Warum Vielfalt wichtiger ist als „Treue“
Gastbeitrag von Richard Falconer
Geschätzte Lesezeit: 4 Minuten
Wenn Kinder tiefer in den Klettersport einsteigen, entsteht in vielen Familien ganz automatisch eine Routine: Die „Heimhalle“ wird vertraut, Beziehungen wachsen, und oft entwickelt sich ein Gefühl von Loyalität.
Loyalität ist nichts Schlechtes. Im Klettern ist jedoch Vielfalt häufig wichtiger als die konstante Bindung an einen Ort – besonders in den frühen Jahren. Dieser Beitrag erklärt, warum der Besuch verschiedener Hallen eine der schützendsten und zugleich leistungsfördernden Entscheidungen ist, die Eltern unterstützen können.
Wie Hallen junge Kletternde prägen
Jede Kletterhalle vermittelt – meist unbewusst – ihre eigene „Version“ von Klettern.
Über Routenbau-Stil, Wandwinkel, Griffauswahl und auch über die lokale Bewertungs- und „Grad“-Kultur prägen Hallen zum Beispiel:
- Bewegungs-Vorlieben
- Risikobereitschaft
- Problemlöse-Gewohnheiten
- Selbstvertrauen bei bestimmten Stilen
Kinder passen sich sehr schnell an diese Muster an. Ohne Abwechslung können sie in einer Umgebung hervorragend werden – und in einer anderen plötzlich kämpfen.
Warum Wettkämpfe das schnell sichtbar machen
Wettkämpfe fühlen sich selten wie die Heimhalle an.
Neue Wände, ungewohnter Schraubstil, anderes Licht, Geräusche, Hektik und der Ablauf vor Ort machen Wettkämpfe oft „schwerer“ als Trainingssessions. Das ist keine Schwäche – meist ist es schlicht fehlende Gewöhnung.
Kinder, die regelmäßig in unterschiedlichen Hallen klettern, können häufig:
- schneller umschalten und sich anpassen
- unbekannte Stile als weniger bedrohlich erleben
- ihr Selbstvertrauen nach einem schlechten Versuch schneller zurückholen
Vielfalt trainiert Anpassungsfähigkeit
Klettern in mehreren Hallen fördert:
- ein breiteres Bewegungsrepertoire
- flexibles Problemlösen
- Sicherheit im Umgang mit Unsicherheit
Diese Eigenschaften sind langfristig wertvoller, als früh nur einen Stil zu perfektionieren.
Anpassungsfähigkeit ist eine Fähigkeit – und sie entsteht durch „Exposure“, also durch Erfahrung, nicht durch Erklärungen.
Loyalität vs. Entwicklung
Manche Eltern sorgen sich, dass Besuche in anderen Hallen als illoyal oder respektlos verstanden werden könnten.
In der Praxis gilt jedoch häufig:
- viele gute Trainer:innen begrüßen Abwechslung
- die meisten Hallen verstehen „Cross-Visiting“
- der Entwicklungsgewinn ist größer als ein mögliches soziales Unbehagen
Loyalität zur Entwicklung des Kindes sollte wichtiger sein als Loyalität zu einem Gebäude.
Wie man Abwechslung einführt, ohne den Alltag zu stören
Vielfalt muss weder ständig noch chaotisch sein. Einfache Ansätze reichen oft:
- gelegentliche Besuche in Nachbarhallen
- offene Wettkämpfe in ungewohnten Locations
- Trainingscamps oder Ferien-Sessions anderswo
Das Ziel ist Erfahrung – nicht Ersatz.
Worauf Eltern achten können
Hinweise, dass mehr Abwechslung helfen würde:
- sehr starke Leistung zu Hause, aber Nervosität anderswo
- Schwierigkeiten, sich an neue Stile anzupassen
- Über- oder Unter-Selbstvertrauen, das stark an die Halle gekoppelt ist
Das sind keine „Probleme“, sondern Signale.
Deine Rolle als Elternteil
Du musst nicht den technischen Teil der Entwicklung steuern.
Deine Aufgabe ist vor allem:
- Abwechslung möglich zu machen
- die Erfahrung niedrigschwellig und ohne Druck zu halten
- neue Hallen als Entdeckung zu rahmen – nicht als Test
Kinder orientieren sich stark an deiner emotionalen Haltung.
Abschließende Perspektive
Kletterfähigkeit ist nicht hallenspezifisch – frühe Gewohnheiten sind es oft.
Indem Eltern Vielfalt ermöglichen, unterstützen sie Anpassungsfähigkeit, Selbstvertrauen und Resilienz.
Diese Qualitäten übertragen sich auf andere Hallen, Wettkämpfe und spätere Leistungsstufen deutlich zuverlässiger als jeder einzelne Stil.
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